„Die Förderschule Lernen ist bereits ausgelaufen – und das ist gut so!”

Verein für Inklusion positioniert sich im Wahlkampf und erinnert an UN-Behindertenrechtskonvention 

Han­no­ver, 23. August 2022. Sol­len die För­der­schu­len in Nie­der­sach­sen bestehen blei­ben? Diese Dis­kus­sion ist im Land­tags­wahl­kampf neu ent­facht und wird von den Par­teien unter­schied­lich bewer­tet. „Für uns ist der Erhalt der För­der­schu­len keine Lösung für eine erfolg­rei­che Inklu­sion“, macht Vic­to­ria Schwert­mann von Mit­ten­drin Han­no­ver e.V. – dem Ver­ein für Inklu­sion – noch­mals deut­lich. Dabei weist sie auf die bereits im Jahr 2013 ver­an­kerte Fest­schrei­bung der Inklu­sion im nie­der­säch­si­schen Schul­ge­setz hin. „Mit einem Ja zu För­der­schu­len wür­den wir den Weg zurück in eine Bil­dungs­land­schaft gehen, die Aus­gren­zung von Men­schen mit Behin­de­run­gen oder erhöh­tem För­der­be­darf in Betracht zieht“, so der Inklu­si­ons­ver­ein. Das sei ganz und gar nicht im Sinn der UN-Behindertenrechtskonvention.

Stu­dien bele­gen, so Schwert­mann, dass die Lern­er­folge von Schü­le­rin­nen und Schü­lern mit gene­rel­lem För­der­be­darf gerade bei einem gemein­sa­men Schul­be­such in einer Regel­schule höher sind im Ver­gleich zum Besuch einer För­der­schule. „Im Umkehr­schluss heißt dies für uns, dass der Erhalt der För­der­schu­len einer gelun­ge­nen Inklu­sion ein­deu­tig im Weg steht“, meint Schwert­mann. Außer­dem führe dies zu nied­ri­ge­ren Schul­ab­schlüs­sen und zu weni­ger Teil­habe an der Gesell­schaft. Auch wenn der Weg zu einer gelun­ge­nen Inklu­sion noch weit sei, so könne die Quint­essenz der Dis­kus­sion um den rich­ti­gen Weg nicht lau­ten: Wir erhal­ten die För­der­schu­len. „Die För­der­schule Ler­nen ist bereits aus­ge­lau­fen – und das ist auch gut so“, macht Schwert­mann deutlich.

„Was wir brau­chen ist eine gute per­so­nelle Aus­stat­tung an Regel­schu­len. Dazu muss die Grund­ver­sor­gung mit son­der­päd­ago­gi­schen Stun­den ange­ho­ben wer­den“, meint Schwert­mann. Dazu bedarf es auch eines Lehr­stuhls zur inklu­si­ven Bil­dung. „Die­ser Lehr­stuhl darf nicht dem Rot­stift der Poli­tik zum Opfer fal­len!“ Das Land müsse zu sei­ner Zusage ste­hen, die­sen Lehr­stuhl zu erhal­ten. Es könne nicht sein, dass im Son­der­päd­ago­gik-Stu­dium der Zweig „Inklu­sive Schule“ gestri­chen wird. „Dann darf man sich auch nicht beschwe­ren, dass die Inklu­sion nicht funk­tio­niert“, so die Exper­tin von Mit­ten­drin Han­no­ver, „ denn dies wäre eine selbst erfül­lende Prophezeiung.”

Der Ver­ein für Inklu­sion setzt viel­mehr auf die Unter­stüt­zung der Leh­re­rin­nen und Leh­rer in den all­ge­mein- und berufs­bil­den­den Schu­len. „Sie brau­chen jedoch mehr Ange­bote an Fach­be­ra­tun­gen und Wei­ter­bil­dun­gen, um mög­li­chen Vor­ur­tei­len bei der gemein­sa­men Beschu­lung begeg­nen zu kön­nen“, sagt Schwertmann.

Ein wei­te­res Thema für ein Mehr an Inklu­sion: die wohn­ort­nahe Beschu­lung. Sie sei zur Ent­wick­lung von Freund­schaf­ten im direk­ten Umfeld der Men­schen mit Behin­de­run­gen wich­tig. Denn nur so kann nach Auf­fas­sung des Ver­eins für Inklu­sion die Teil­habe von Schü­le­rin­nen und Schü­lern sowie deren Eltern im Sozi­al­raum vor­an­ge­bracht werden.