[ Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ), 26.10.2010, Seite 14 ]

 

Etwas ganz Normales

Ratspolitiker informieren sich über gemeinsame Betreuung
behinderter und nicht behinderter Kinder.

 

Behinderte und nicht behinderte Kinder sollen in Hannover nicht nur gemeinsam zur Schule gehen, sondern schon im Kindergarten gemeinsam aufwachsen. Damit soll von Anfang an verhindert werden, dass Behinderte schon früh ausgegrenzt werden. Vielmehr sollen unter dem Schlagwort „Pädagogik der Vielfalt“ alle Kinder erfahren, dass der gemeinsame Alltag Behinderter und Nichtbehinderter etwas vollkommen Normales ist. Gestern informierten sich drei Fachausschüsse – Schul-, Jugend- und Migrationsausschuss – bei einer Anhörung mit Experten über das Thema „Inklusion im Elementarbereich“.
Gesetzliche Basis der Inklusion (Lateinisch für: Einschluss) ist die UN-Menschenrechtskonvention für Menschen mit Behinderungen, die der Bundesrat 2009 unterzeichnet hat. Sie sieht vor, dass Eltern behinderter Kinder ab 2013 einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz haben. Erst im Mai hatten sich Stadt und Region Hannover darauf verständigt, bis 2011 ein Konzept zu erarbeiten, wie behinderte und nicht behinderte Kinder künftig häufiger als bisher gemeinsam unterrichtet werden können.
Wie Elke Lengert vom Verein „Mittendrin – für die Integration von Menschen mit Behinderung“ ausführte, müssten sich Eltern einen integrativen Bildungsweg für ihre behinderten Kinder häufig erstreiten. Stadtweit gebe es lediglich zehn integrative Plätze in Krippen, fünf im Hortbereich, und nur jedes zweite Kind mit Behinderungen bekomme einen integrativen Kindergartenplatz. „Das inklusive Bewusstsein fehlt“, sagte Lengert. Allenfalls für Kinder mit leichten Behinderungen gebe es die Bereitschaft zur gemeinsamen Betreuung und Erziehung. „Bei Kindern mit schweren Beeinträchtigungen heißt es aber, sie sind nicht integrationsfähig.“
Lengert kündigte an, dass der Verein Mittendrin zum 1. Januar die Einrichtung einer Beratungsstelle plane, um Kindern mit Behinderungen zu einem inklusiven Bildungsweg zu verhelfen. Denn nicht nur Eltern hätten einen hohen Beratungsbedarf, sondern auch Einrichtungen wie Regel- oder heilpädagogische Kindertagesstätten. Nötig seinen vor allem flexible Gruppengrößen, um auch Kindern mit Mehrfachbehinderungen eine – wie von den UN festgeschrieben – gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Gerd Harms von der Lebenshilfe für Menschen mit geistigen Behinderungen forderte eine konsequente Analyse der bestehenden Situation, alles andere wäre eine Illusion. Zum Nulltarif sei Inklusion aber nicht zu haben, weil Einrichtungen auch umgebaut werden müssten. Harms bezeichnete die Inklusion als Chance für alle Menschen.
Prof. Timm Albers von der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe stellte fest, dass es in Hannover mit den heilpädagogischen Einrichtungen und Familienzentren schon viele kompetente Träger gebe. Dem stimmte Elke Lengert zwar zu, „aber den Eltern fehlt die Teilhabe“, schränkte sie ein. Zur Durchsetzung der UN-Konvention forderte Albers einen nationalen Aktionsplan. Grünen-Ratsfrau Ingrid Wagemann fasste die Debatte schließlich zusammen: „Auf die Politik kommt hier ein ganz dickes Brett zu. Ich glaube, dieses Thema wird uns noch lange beschäftigen.“

 

[ VERONIKA THOMAS ]

 

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Presse - 26. Oktober 2010

VEREIN FÜR DIE INTEGRATION VON MENSCHEN MIT BEHINDERUNGEN

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