[ Hannoversche Allgemeine Zeitung (HAZ), 25.01.2010, Seite 13, Photos: Wallenwein (3)/ Herzog ]
Zum Bild: "Welche Gegenstände wiegen gleich viel? In der Grundschule Am Lindener Markt lernen Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam."

Eine Schule für alle
Die Grundschule Am Lindener Markt unterrichtet behinderte und nicht behinderte Kinder aus ihrem Bezirk gemeinsam.
Die Eltern wissen das zu schätzen. Die Betreuung ist hier besser als in den herkömmlichen Integrationsklassen.
Schon als ihr Sohn sechs Monate alt war, merkte Emine Katme, dass der kleine Yusuf sich nicht normal entwickelt. "Wir sind mit ihm
zur Frühförderung gegangen und zur Krankengymnastik", berichtet die Mutter. Später kam Yusuf in einen speziellen Kindergarten und danach in eine Förderschule.
Doch glücklich wurden die Eltern mit dieser Entscheidung nicht. Bei den Elternabenden sei es nie darum gegangen, was die Kinder lernen, sagt Emine Katme.
Als sich auch bei Yusufs kleiner Schwester Hatice-Kübra eine Verzögerung der geistigen Entwicklung zeigte, suchten die Eltern vor drei Jahren eine andere Schule
für sie - und lernten quasi durch Zufall ein ganz anderes Modell kennen. Hatice sollte auf die Wilhelm-Schade-Schule gehen, eine Förderschule für geistige
Entwicklung. Doch die Lehrer dort unterrichten ihre Grundschüler schon lange nicht mehr im eigenen Haus.
Hatice kam deshalb auf die Grundschule Am Lindener Markt. In Kooperationsklassen arbeiten hier Grundschul- und Förderschullehrer gemeinsam mit behinderten und
nicht behinderten Kindern.
"Hatice kann schon fast lesen", sagt Emine Katme. Für eine normale Drittklässlerin wäre das spät, für Hatice und ihre Eltern bedeuten diese
Lernfortschritte einen großen Erfolg. Auch Yusuf wechselte an die Grundschule seiner Schwester und beschäftigt sich dort in der dritten Klasse mit manchem,
was Hatice-Kübra schon in der ersten Klasse lernte. "Wir sind froh. Er hat schon viele Fortschritte gemacht", sagt Emine Katme.
Die Grundschule Am Lindener Markt hat sich ein ehrgeiziges Ziel gesteckt.
"Alle Kinder aus dem Stadtteil sollen hier zur Schule gehen können", sagt Schulleiterin Anne Wolters. Auch Kinder mit geistigen, körperlichen oder
emotionalen Handicaps, die bisher in der Regel spezielle Schulen weit vom eigenen Stadtteil entfernt besuchen. Neuerdings spricht man von Inklusion, dem
Einschluss aller, wenn eine Schule Kinder mit solch unterschiedlichen Voraussetzungen gemeinsam unterrichtet.
Am Lindener Markt haben die Lehrer diesen Weg früh beschritten. 1992 starteten sie mit der ersten Integrationsklasse, im Jahr 2000 kamen Kooperationsklassen dazu.
Komplizierte bürokratische Bestimmungen setzen bisher der Arbeit der staatlichen Grundschule, die allen offen stehen will, Grenzen. Und längst nicht allen Eltern,
die ihr Kind hier in einer der begehrten Kooperationsklassen unterbringen wollen, gelingt das auch.
In den Kooperationsklassen kümmern sich ein Grundschullehrer und ein fest an der Wilhelm-Schade-Schule angestellter Förderschullehrer gemeinsam um die Kinder.
An manchen Tagen springt anstelle des Förderlehrers ein Erzieher ein. Pro Klasse gibt es drei Schüler, die in ihrer geistigen Entwicklung eingeschränkt sind.
Darüber hinaus sind in diesen Klassen, wie heutzutage in fast allen Grundschulen, auch weitere Kinder mit unterschiedlichen Lernschwierigkeiten anzutreffen.
Alle mit ihnen arbeiten. "Wir sind da und können unsere Arbeit so verteilen, wie die Kinder es brauchen", sagt Förderschullehrerin Birgit Dege-Haster.
Die Förderschullehrer als Profis beraten ihre Kollegen an der Grundschule aber vor allem auch dabei, wie sie Kinder mit unterschiedlichen Handicaps am besten
unterstützen können, und zwar ohne dass andere Schüler dabei zu kurz kommen.

Ein Beispiel: In der zweiten Klasse beschäftigen Grundschullehrerin Claudia Landmann und Förderschullehrer Sascha Splanemann ihre Schüler
mit dem Thema Größe, Masse und Gewicht von Gegenständen. Während die meisten Kinder ausprobieren, ob Kugeln aus Knetmasse, Glas und Metall gleich viel wiegen
können, und sie dabei Größen und Formen vergleichen, ist es für einen der Schüler ein Erfolg, wenn er die Farben erkennt und sich an den Namen für das kalte grau
schimmernde Material erinnert.
Seine Mitschüler wundern sich nicht darüber, die Situation ist alltäglich für sie.
Für Kinder wie den Erstklässler Finn, der mit Downsyndrom zur Welt kam, ist es ein Ansporn, dass sie auch von ihren Mitschülern lernen können.
"Er erzählt zu Hause begeistert, dass es neben dem Kleinbuchstaben 'l' auch noch das große 'L' gibt", berichtet Finns Mutter Antje Frey. Doch auch
Eltern mit nicht behinderten Kindern schwören auf den gemeinsamen Unterricht. "Mit zwei Lehrern ist einfach viel mehr möglich", sagt Barbara Wevering,
von der mehrere Kinder die Grundschule besuchten. Besonders beeindruckten Wevering Aktionen wie eine gemeinsame Theateraufführung. "Kinder mit
Sprachschwierigkeiten stehen selbstbewusst auf der Bühne. Die anderen Kinder lachen sie nicht aus, weil es das normale Leben für sie ist."
Die Situation in den herkömmlichen Integrationsklassen ist für Kinder und Lehrer dagegen deutlich schwieriger.
Nur wenn einem Kind per Gutachten eine Entwicklungsstörung bescheinigt wird, billigt das Land der Klasse Zusatzstunden
zu. Für ein Kind mit geistiger Behinderung können das fünf Förderstunden pro Woche sein, für ein Kind mit emotional-sozialer Störung drei Stunden. "Das Kind
lernt aber die ganze Woche in seiner Klasse", sagt Förderschullehrer Sascha Splanemann. Für einen Lehrer allein seien die Anforderungen oft nicht zu erfüllen.
Und viele Eltern scheuten sich zudem, ihr Kind begutachten zu lassen, sagt Barbara Wevering.
Bei zwei oder drei begutachteten Schülern steigt die Zahl der Stunden mit Förderlehrer und bleibt doch Flickwerk.
Mit dem Engagement der Lehrer an der Grundschule ist Wevering jedoch sehr zufrieden. Und für Emine Katme steht der Wert des Modells sowieso außer Frage.
"Es müsste in jedem Stadtteil so eine Schule geben."
[ BÄRBEL HILBIG ]

Der Vorteil der Kooperation
Die Grundschule Am Lindener Markt nennt sich bereits seit Längerem "Eine Schule für alle". Sie hat den Anspruch, behinderte und nicht behinderte Kinder
aus dem Stadtteil möglichst gemeinsam zu unterrichten.
Von den insgesamt 16 Grundschulklassen werden vier in Kooperation mit Förderschullehrern der Wilhelm-Schade-Schule in Doppelbesetzung betreut. Zu den Schülern der
Kooperationsklassen gehören jeweils drei Kinder mit geistiger Entwicklungsverzögerung, aber meist auch andere Kinder mit Lernschwierigkeiten. Außerdem gibt es
aktuell neun Integrationsklassen und drei normale Regelklassen.
In den Integrationsklassen bemisst sich die Zahl der Stunden, in denen ein Förderschullehrer parallel zum Grundschullehrer unterrichtet, an der Diagnose, die
einzelnen Kindern gestellt wird und ist deshalb stark eingeschränkt. Normale Regelklassen, in denen offiziell kein Kind mit Beeinträchtigung lernt, können zu
Integrationsklassen umgewandelt werden. Dazu muss aber einem oder mehreren Kindern eine Lern-, Verhaltens- oder Entwicklungsstörung attestiert werden. Aus Sicht
der Lehrer der Grundschule nützt der gemeinsame Unterricht allen Schülern. Die "normalen" Kinder lernten, geduldig zu sein, Verantwortung zu übernehmen
und zu helfen, sagt Schulleiterin Anne Wolters. Für Kinder mit Entwicklungshemmnissen sei ein solcher Umgang mit anderen Schülern enorm motivierend.
Doch trotz des starken Engagements der Lehrer setzen auch praktische Probleme dem Ziel der Integration Grenzen.
Bei der Sanierung hat die Stadt zum Beispiel keinen Fahrstuhl eingeplant. "Rollstuhlfahrer können noch nicht einmal klingeln, denn unser Eingang ist nur über
eine Treppe zu erreichen", sagt Schulleiterin Anne Wolters. Die Verwaltung liegt im ersten, die Aula im zweiten Stock.
Die Wilhelm-Schade-Schule, eine Schule für geistige Entwicklung, unterhält bereits seit 1993 Kooperationsklassen mit der Grundschule Am Stöckener Bach, seit 1996
mit der Egestorffschule in Linden-Süd und seit dem Jahr 2000 mit der Grundschule Am Lindener Markt.
[ BÄRBEL HILBIG/ bil ]
Presse - 25. Januar 2010
VEREIN FÜR DIE INTEGRATION VON MENSCHEN MIT BEHINDERUNGEN